Meine Lehrjahre auf Zeche Lothringen

Hammerthaler Knappenverein Witten

Auszug aus den Memoiren von Joachim Koch

Lehrjahre auf der Herbeder Zeche Lothringen
(01.04.1954 – 28.03.1957)

Joachim Koch ist einer unserer ehemals aktiven Bergleute im Verein. Seine Erinnerungen an die Zeit als Lehrling auf Zeche Lothringen (bis heute bekannt als „Zeche Holland“) erlauben einen Einblick in die verschiedenen Arbeitsbereiche einer der letzten großen Steinkohlezechen südlich der Ruhr.

Während seiner Lehre wurde er Über- und Untertage ausgebildet. Zunächst setzte man Koch u. A. in der Schmiede, der Werkzeugaufbereitung, der Schlosserei, dem Kesselhaus, an der Fördermaschine, der Schreinerei, der Kohlenwäsche, am Leseband, an der Bergehalde und in der Lampenstube ein. Im Alter von 16 Jahren wurde er dann auch im „Lehrrevier Untertage“ eingesetzt. Hier zeigt er auf, wie vor Ort die Antrazithkohle der Flöze „Wasserbank“ und „Hauptflöz“ abgebaut wurden. Er schreibt über das Grubenpferd „Bubi“, von seinem „Rutschenbär“ und seinen Tätigkeiten als Gedingeschlepper und Lader.

Darüber hinaus schildert Koch detailliert das Werksgelände und die Arbeitsabläufe „seiner“ Zeche. Er reichert seine Erinnerungen sowohl mit Anekdoten als auch mit Erklärungen von Fachbegriffen an, so dass ein lebendiges Bild seiner Lehrzeit entsteht.

Die Bilder seiner letzte Schicht auf Zeche Holland entstanden Anfang März 1965 auf Ort 5, Schacht II.

Zeche Lothringen, von den Herbedern Zeche "Holland" genannt

So fing alles an

Wir waren vierzig Lehrlinge, die in verschiedene Bereiche eingesetzt wurden. Montags war immer Berufschulunterricht. Unser Lehrer hieß Limberg, und vor Beginn des Unterrichts wurde immer ein Lied gesungen, zum Beispiel, Ein Heller und ein Batzen oder Im Frühtau zu Berge.

Zu der Zeit war der Samstag noch Arbeitstag, und wir mussten schon ganz schön ran. Ich habe mit anderen zehntausend Ziegelsteine abgeladen, wobei immer zwei Stück von Mann zu Mann geworfen wurden.

Wir hatten Stoffhandschuhe an, deren Handflächen nachher weggescheuert waren. Zement haben wir abladen müssen, die Säcke waren zu der Zeit noch 50 KG schwer, und auf dem Holzplatz haben wir Stempel und Schalhölzer für die Grube verladen. Aber ich habe im 1. Monat schon 120 Mark verdient, das war so viel wie der Vater Unterhalt zahlte, und so konnte die Mutter, die beim Kolonialwarenladen Pöthen immer hat anschreiben lassen, bezahlen und sie hatte nun Geld zur freien Verfugung. Mein Bruder, der in dieser Zeit eine Lehre als Feinmechaniker machte, bekam im zweiten Lehrjahr gerade mal 38 Mark. Man musste im Laufe der Lehrzeit verschieden Bereiche durchlaufen.

Meine Zeit Übertage

Weil ich ziemlich groß war, kam ich zuerst in die Schmiede. Der Schmied hatte Oberarme wie Arnold Schwarzenegger, und er zeigte mir, wie man einen Vorschlaghammer führt. Dann haben wir, unter anderem, Teile abgeschrotet er hielt den Keil, und ich musste mit dem großen Hammer zuschlagen.

Aber man hatte auch schon mal ein wenig Leerlauf, und so habe ich mir dann ein Tomahawk geschmiedet.

Ich erinnere mich noch, es war ein Tag vor Heiligabend, und wir haben ein Ventilatorenrad gefertigt. Die einzelnen Schaufeln wurden genietet, ich musste den Döpper halten und der Schmied schlug mit dem Fäustel zu. Plötzlich löste sich dieser vom Stiel, und flog an meinem Kopf vorbei. Der Schreck war auf beiden Seiten groß.

Nach einiger Zeit kam ich in eine Art Werkzeugaufbereitung, Dort arbeitete ein Mann mit Namen Kaffsack, der damals schon Lotto spielte. Dort waren auch ein Schmiedefeuer und eine Maschine, an der Bohrkronen wieder geschärft und gehärtet wurden. Außerdem schmiedete er Beile und Abbauhammerspitzen aus, rund härtete sie erneut. Das Härten geschah mit Wasser, und er sah an der Farbe, wenn er die glühenden Teile abschreckt, liefen sie ja immer blau an, ob es gut war. Meine Aufgabe war, an einem großen Schleifstein, der in einer Wasserschale lief und ungefähr eineinhalb Meter Durchmesser, Beile zu schärfen. Er zeigte mir wie ich das machen musste, und dann ging es los. Meistens waren es so zehn bis fünfzehn die täglich anfielen. Wenn ich beim schleifen der Schneiden aber mal nachlässig war, wurde ich sofort bestraft, denn dann hatte ich am anderen Tag dreißig in der Kiste.

Später kam ich dann in die Schlosserei, dort musste ich unter anderem, an einer Eisenbügelsäge Sprossen für Fahrten sägen. Diese waren aus Rundstahl circa zwanzig Millimeter im Durchmesser und dreihundert Millimeter lang. An der Säge war ein verstellbarer Anschlag. Ich brauchte also nur einige Stangen des Materials bis zum Anschlag schieben, festspannen, die Säge aufsetzen, und den Startknopf drücken. Das Sägeblatt wurde mit Kühlflüssigkeit benetzt. Als ich schon eine ganze Anzahl Sprossen gesägt hatte, und die Maschine wieder einschalten wollte, gab es einen Knall, und der Schaltknopf flog in hohem Bogen davon. Der Meister kam natürlich sofort angerannt um zu sehen was dort geschehen war, er dachte wohl ich habe Blödsinn gemacht. Der herbeigerufene Elektriker bestätigte aber, dass ein Defekt in dem Schalter der Auslöser war.

Die jeweilige Ausbildungszeit in den Betrieben lag bei ungefähr drei Monaten, also kam ich danach ins Kesselhaus, denn die Pressluft für die Grube, erzeugte die Zeche selbst. Dort liefen Dampfturbinen, deren Dampf natürlich mit der geförderten Kohle erzeugt wurde. Maschinen putzen, destilliertes Wasser holen u.s.w. zählte zu meinen Aufgaben. Auch die Asche des Wanderrostes musste entsorgt werden.

Zwischendurch kam ich auch zum Schacht II an die Fördermaschine, die sollte wieder in Betrieb genommen werden. Wir, einige Lehrlinge, wurden eingeteilt, mit Schabern und Schleifpapier, die Maschine zu entrosten. Andere Arbeiter entfernten die Einbauten, das waren künstliche Stollen in jeder Größe, in der die Grubenwehr ihre Übungen abhielt. Dann kam ich in die Schreinerei, dort wurden hauptsächlich Gezähkisten"(Werkzeugkisten) für die Grube angefertigt. Am Feierabend wurde immer die Werkstatt gefegt, das war in der Schreinerei besonders schön, denn die Späne brauchten nur zu einem Loch gefegt werden und wurden von da abgesaugt.

Ich wollte eine Hobelbank von Spänen säubern und ging statt mit dem Handfeger, mit der linken Hand darüber. Unter den Spänen lagen fertig geschliffene Messer der Hobelmaschine, und beim rüberwischen schnitt ich mir die halbe Kuppe des zweiten Fingers auf, das blutete natürlich ordentlich. Die Narbe erinnert mich des Öfteren daran.

Dann kam ich in die Kohlenwäsche, dort wurde die Kohle in einem Absetzverfahren, von Gestein befreit. Das war ein sehr aufwendiges Verfahren mit verschiedenen Sieben und vor allen Dingen mit viel Wasser. Die dort ausgewaschenen Steine gingen als Versatz wieder in die Grube, und wurden in die durch den Kohlenabbau entstandenen Hohlräume verbracht. In ein Becherwerk ist mir eine Schaufel gefallen, als ich das dem Meister meldete, gab es große Aufregung, man befürchtete eine massive Betriebsstörung. Aber nichts passierte, aber die Schaufel blieb unauffindbar.

Da fällt mir ein, dass ich auch eine Zeitlang am Leseband gearbeitet habe. Die geförderten Kohlenwagen wurden auf der so genannten Hängebank abgeschoben, die befand sich vielleicht fünf Meter über dem Boden. Das passierte per Pressluftschieber dann liefen die Wagen zu einem Kreiselkipper und wurden geleert. Unter diesem lief ein breites Band aus Stahllammellen, und an dem standen ältere Kumpel und Lehrlinge, und mussten die Steine klauben, das heißt, raussuchen. Hinter ihnen standen Wagen, in die kamen die Steine, und die vollen Wagen wurden auf der angrenzenden Bergehalde gekippt.

Auf der Bergehalde war ich auch eine Zeitlang, dort wurde, unter anderem, die Asche des Kesselhauses wieder in Wagen geladen, und als Versatz in die Grube gefördert. Wir als Lehrlinge haben so fünf bis sechs Wagen laden müssen. Es gab aber damals schon Leute, die einen polnischen Dialekt hatten, die haben im Akkord mehr als hundert Wagen geladen! Ein Wagen fasste so um die neunhundert Liter.

Die Bergehalde war mit einer Brücke mit der Hängebank verbunden, über die dann die Wagen zum Schacht und von dort in die Grube befördert wurden.

Oben in Höhe der Brücke stand eine Bude mit einem Haspel, mit dem wurden die Wagen aus den tiefer liegenden Stellen wo geladen wurde. Oben war eine Haltevorrichtung, die von den Wagen niedergedrückt wurde, und sich aufrichtete, sobald die Wagen standen oder zurücklaufen wollten. Es war Winter und in der Bude gab es einen Ofen, auf dem wir unsere Aluminiumflasche angewärmt haben, und auch schon mal Brot geröstet haben. Unterhalb dieser Strecke stand auch so eine Hütte, eines Tages als ein Zug mit vielleicht fünfzehn Wagen hochgezogen wurden und oben mit einem Halterast gehalten werden sollte, brach ein Knebel mit dem die Wagen verbunden waren, und etwa zehn Wagen rauschten talwärts. Wir haben geschrieen um die Leute unten zu warnen, und Gott sei Dank haben sie das gehört und die Bude fluchtartig verlassen, die war hinterher nur noch ein Bretterhaufen, Dann war ich auch einige Zeit in der Lampenstube, in der die Lampen ausgegeben, geladen und gewartet wurden.

Die Lampen hingen in Stahlgestellen nummernweise sortiert, an dem Ausgabeschalter sagte der Kumpel seine Personalnummer und er bekam seine Lampe. Am Schichtende gab er sie an einem anderen Schalter ab.

Es gab drei verschiedene Leuchten, ein Mal die mit Benzin betriebene, so genannte Wetterlampe, die über fünf Kilo schwere Batterielampe und die Kopflampe. Die Wetterlampe hatte einen Benzinbehälter, darüber den Docht mit zuerst mechanischem Anzündmechanismus, später kam dann ein Glühdraht, der mit einer kleinen Batterie betrieben wurde, zum Einsatz. Diese Vorrichtung war mit einem ca. acht Zentimeter hohen Glas umschlossen, darüber war der Metallkorb aus feinem Drahtgeflecht. Alles war mit vier Streben mit einem kleinen Schutzdach verbunden.

Bei so genannten matten Wettern, also kein Sauerstoff da war, verlosch die Lampe, wenn Gefahr durch Methangas bestand, konnte man an der Flamme erkennen wie hoch die Konzentration war. Über der Flamme war dann eine mehr oder weniger hohe blaue Aureole zu sehen, an der ein kundiger Wettermann, die Gaskonzentration bestimmen konnte. Durch das feinmaschige Drahtgeflecht konnte keine Zündung des Gasgemisches erfolgen. Erstere war bestimmt für Wettermänner, die vorher einfuhren und nach matten Wettern suchten, und ebenso die Schießhauer vor Ort. Die Lampen hatten alle einen Magnetverschluss, also einen Stift, der von einer Feder niedergedruckt wurde, an einer besonderen Station mit einem starken Magnet, entriegelt wurde. Angezündet wurden sie mit einem Feuerstein, der von außen betätigt wurde. An einer speziellen Vorrichtung wurde nach dem Auffüllen und verschließen, die Lampe mit Pressluft an den Verbindungsstellen von Korb, Glas und Vorratsbehälter beblasen, es durfte sich die Flamme nicht bewegen. Die schweren Lampen wurden ebenso an einem Magnet geöffnet, das schwere Unterteil in eine Ladestation gesteckt, und das Oberteil auf dem die Nummer war, an die entsprechende Stelle im Regal gehängt. Wenn die Batterien, das Unterteil also, geladen war, wurden sie aus der Ladestation genommen, auf einen stabilen Wagen gestellt, damit fuhr man durch die Reihen der Gestelle, und wo nur ein Oberteil hing, wurde die Batterie darunter geschraubt. Diese Batterien waren mit Kalilauge befüllt, die der Lampenmeister zu kontrollieren hatte. Die Kopflampen, das waren leichte Batterien, die am Gürtel befestigt wurden, und mit einem Kabel den Scheinwerfer verband, dieser wurde am Helm in eine Lasche aesteckt Zuerst hatten nur Schlosser und Elektriker diese Lampen, später bekamen alle Kumpel eine solche Lampe. Die Wetterlampen und die schweren Batterienlampen hatten einen Bügel zum aufhangen, deren Spitze war spitz, so das man sie auch in einpieken konnte. Wenn die Lampe beschädigt war, und das war meistens die Glaskuppel, und der Kumpel konnte nicht nachweisen, das er für die Beschädigung nicht zu verantwortlich war, musste er den Schaden bezahlen. Die Kosten wurden über das Lohnbüro abgezogen, und so erschien auf der Monatsabrechnung z.B. Lampenkosten 99 Pfennig, das war der Preis für eine solche Glaskuppel.

Der Kantinenpächter hatte auch die Möglichkeit sein Geld über das Lohnbüro einzuziehen naturlich nur von den Kumpeln, die bei ihm anschreiben ließen. Es ging das Gerücht er habe einen Bleistift mit zwei Spitzen.

Einige Zeit war ich auch in der Waschkaue .beschäftigt, dort mussten wir, das waren zwei Lehrlinge, und der alte Waschkau wärt er, die Waschkaue mit dem Wasserschlauch reinigen, den es war doch sehr viel Schmutz vorhanden. In der Zeit zwischen den Schichtwechseln haben wir dann mit verdünnter Salzsäure den Wasserstein von den Majolikafliesen entfernt. Über der Tür des Eingangs war eine Bühne, von der die Wassertemperatur, für die Duschen eingestellt wurde. Eine manuelle Einstellung war nicht möglich. Da waren jlicke Rohre mit Manometer und Thermometer und grof3e Handräder mit denen die Temperatur eingestellt wurde. Je nach dem wie viele Brausen auf beiden Seiten angemacht wurden, veränderte sich die Wassertemperatur, und die Kumpels schrieen, egal ob zu heiß oder zu kalt. Dann musste mit den Handrädern nachjustiert werden.

Lehrrevier Untertage

Dann wurde ich sechzehn Jahre alt, und ich kam in das Lehrrevier Untertage. Dort gab es sogar noch ein Grubenpferd, das Bubi hieß. Das Pferd hatte einen richtigen Stall in der Nähe des Schachts, und wurde natürlich von uns verwöhnt. Er transportierte die abgebaute Kohle, und den Abraum, sprich das Gestein, in Wagen, zum Schacht, und brachte leere Wagen an die Arbeitsstelle! Es gab Ausbaustrecken und auch ein Flöz, in dem die Lehrlinge schon Kohle abbauten. Man bekam gezeigt wie Stempel angespitzt und am anderen Ende ausgenommen wurden um dann mit einem Schalholz, das meist drei Meter lang war einbaut wurde. Natürlich nicht im Gedinge, so heißt im Bergbau der Akkord, sondern wir wurden mit noch anderen verschiedenen Ausbaumethoden vertraut gemacht.

Abgebaut wurden auf der Zeche die Flöze Wasserbank und Hauptflöz, beides Antrazithkohlenflöze. Das heißt, diese Kohle hat den höchsten Heizwert, und den niedrigsten Gasgehalt.

In der Ausbau strecke, sie wurde ja vorgetrieben, sprich es wurde gebohrt und geschossen, sprich gesprengt, Die Bohrhämmer wurden, wie alles mit Pressluft betrieben, und machten dementsprechend Krach. Und wir mussten dann das Haufwerk, so nennt der Bergmann das gelöste Gestein, mit einer Schaufel in Wagen laden. Ausgebaut wurde die Strecke mit dem so genannten Deutschen Türstock.

Jeder der schon mal eine große Schaufel mit Erde bewegt hat, kann sich vorstellen wie schwer eine solche mit Sandstein ist. Um überhaupt mit der Pannschiippe, das war eine im Bergbau übliche Schaufel, die eine Herzform hatte, in das Haufwerk, sprich das durch die Sprengung gelöste Gestein, zukommen, lagen Blechplatten, damit man besser mit der Schaufel an das Geröll kam. Mit einer Hacke wurde das Gestein auf die Platte gezogen, und wenn genügend Platz war, wurden die Platten weiter vorgeschoben. Der Streb des Lehrreviers war halbsteil, das heißt, es wurden keine weiteren Fördermittel wie Kettenförder, oder ähnliches benötigt. Der Ausbildungssteiger hieß Sticht, und er priemte, das heißt er kaute Kautabak, und der wurde auch schon mal von ihm an einen Stempel gespuckt, In halbsteiler Lage muss man sich schon mal an einem solchen festhalten, und dann griff man da schon mal hinein.

Oben am Schacht teilte der Steiger die Leute ein, je nach dem wo er Leute brauchte Die Kohlenhauer brauchte er nicht einteilen, denn die hatten ja ihren Knapp, so hieß der Abschnitt im Streb, den sie abbauen mussten. In der steilen Lagerung, waren das durchschnittlich 7 Schalhölzer a 2.50 Meter die auch noch mit Ausbau versehen werden mussten. Ich hingegen war ja nun Gedingeschiepper. und wurde dort, eingeteilt, wo Leute fehlten. Ich habe vor Ort, also im Streckenvortrieb gearbeitet, bei der Kippkolonne, die den abgebauten Streb mit, mit Versatz aufgefüllt haben. Das gleiche habe ich im Flöz Wasserbank gemacht, nur das es hier ein flaches Teil des Flözes war, und im streb ein Kettenförderer eingebaut war. Im. Flöz selbst war in der Mitte ein Steinstreifen, der mit abgebaut wurde Mit mehreren Mann, saßen wir im Alten Mann, das war der abgebaute Teil des Flözes und klaubten, sprich, suchten die Steine aus dem Kettenförderer und verbauten die dort. Dann kam ich an eine Ladestelle an einem Unterbergsort, das heißt, der Streb war tiefer als die Strecke, und die Kohle kam mit einem Gummitransportband nach oben.

Wir waren dort zu zweit, und wenn die Kumpel zu kohlen begannen, gab es für uns keinen Stillstand mehr.

Ein voller Zug wurde weggezogen, und leere Wagen reingedrückt, ohne das Transportband anzuhalten. Deshalb haben wir unser Butterbrot vor Beginn gegessen. Eines Tages kam der Betnebsfoherer, und fragte: was machen Sie da? Ich sagte wir essen unser Butterbrot weil wir spater nicht mehr dazu kommen. Er sagte, tun Sie das Brot weg, und reinigen Sie die Strecke. Das habe ich verweigert, und er schrie den Steiger an: Der Mann kommt hier wegi In der Tat, ich kam an die Übergabestelle im Unterbergsort, dort lief ein Kettenförderer, der mit einem Elektromotor angetrieben wurde.

Diesen musste ich dann abstellen, wenn das Gummiband nach oben abgestellt wurde, das kam des Öfteren vor, weil das Band mit einem Pressluftmotor betrieben wurde, der gerne vereiste Der Elektromotor machte so einen Singsang, dass ich schon mal kurz einnickte, und nicht bemerkt, dass das Band abgestellt wurde.

Ich wurde erst wach, wenn es nach verbranntem Gummi roch, da ich den Förderer ja nicht abgestellt hatte, und die Kohle zu Hauff auf dem Gummiband lag. Dann war natürlich schaufeln angesagt.

Ich habe dann später auch als Lader in steilen Abbauorten Kohlen geladen. Dort wurden Ladekasten eingebaut, bei denen man einen Schieber öffnete, und den Wagen füllte Bei abführender Wetterführung gab es soviel Staub, dass man vielleicht drei Meter sehen konnte Aus diesem Grund trug ich auch eine Staubmaske. Es kam vor, das von den herunterfallenden Kohlen im Streb auch Stempel weg geschlagen wurden, und dann im Kasten landeten und verhinderten dass man diesen schließen konnte. Dann war Eile geboten, man sägte ihn ab zuvor musste man aber verhindern dass neben dem Stempel weitere Kohle herauskam Das ging nicht immer, und dann war schaufeln angesagt. Es kam auch vor das durch mehrere verkeilte Stempel über dem Kasten keine Kohle in den Kasten lief.

Dann holte der Rutschenbär, das ist im Bergbau der Vorarbeiter, ein Sprengpatrone nebst Zunder von der Ortsbelegschaft, und jemand musste in den Kasten kriechen, und die Patrone dort platzieren Gerne hieß es dann zu mir: Geh du rein, du bist ja noch Junggeselle. Wenn ich das mir uberlege, hat man mich wie man so sagt, am Arsch gepackt. Damals war ich aber stolz, das ich das machen durfte. Hinterher ist man ja immer schlauer, denn über den verkeilten Stempeln lagen ja zehn bis zwanzig Tonnen Kohle. Die Kumpel im Streb hatten ja Gedinge und hörten nicht auf zu arbeiten.

Echte Kameraden

In dieser Zeit war Nachwuchs für den Bergbau gefragt, und deshalb gab es Leute die sich um uns kümmerten. Kurz gesagt die soziale Komponente gab es noch. Wir hatten als Lehrlinge diverse Betreuer, die mit uns so einiges unternahmen. So sind wir mit Paul, der eine verkrüppelte Hand hatte, zum Drachenfels gefahren. Unvergesslich ist mir geblieben, als wir dort an einer Metzgerei, warme Fleischwurst mit Brötchen gegessen haben, Pommesbuden gab es zu der Zeit noch nicht, er den Senf löffelweise gegessen hat.

Ein weiterer Betreuer war Werner Rocholl, mit dem sind wir im Museum für  Völkerkunde in Düsseldorf gewesen, des Weiteren in einer Operette. Die hieß Victoria und ihr Husar. Für uns eine völlig neue Erfahrung, wurden doch dort die Gesänge vier fünfmal wiederholt. Ein Part ist mir in Erinnerung geblieben: "Mausi süß warst du heute Nacht" und das etliche Male hintereinander, und jedes Mal gab es Applaus von den Besuchern.
Auch besuchten wir in der Westfalenhalle die Show „Holiday on lce"

Ebenso verbrachte unsere Klasse 1957 eine Freizeit in Cuxhaven, die von der Bergbaugesellschaft bezahlt wurde. Untergebracht waren Wir in einem großen Gebäude, das während des Krieges wohl ein Lazarett gewesen sein muss, denn auf dem Dach war noch schwach aber dennoch erkennbar, das Rote Kreuz zu sehen. Als wir am Ende der Freizeit wieder nach Hause fahren wollten, fehlten drei von uns. Nach eifrigem Suchen stellte sich heraus, das sie auf der Polizeiwache waren.

Sie hatten herausgefunden, dass man an einem Zigarettenautomaten für zwei Pfennig, eine Packung Zigaretten ziehen konnte. Und so haben sie so viele Packungen gezogen, dass es irgendjemand aufgefallen ist, und der die Polizei gerufen hat. Wie der Betreuer das fertig gebracht hat, das wir alle gemeinsam nach Hause konnten, weiß ich nicht.

„Meine“ Zeche: Lothringen A.G., Anlage Herbede

Ich möchte nun die Zeche ein wenig beschreiben, diese war von einer Mauer zur Straßenseite abgegrenzt. Man ging durch das Eingangstor, auf der rechten Seite war die Pförtnerloge und weiter rechts der Fahrradschuppen. In der Mitte war das Hauptgebäude in dem sich Büros Waschkaue und so weiter. Rechts und Links standen die Fördertürme. Der rechte war Schacht eins, der linke also Schacht zwei.

Auf der rechten Seite waren dann noch das Kesselhaus, die Kohlenwäsche, der Landabsatz, die Schlosserei die Schreinerei und noch etliche andere Gebäude.

Das Hauptgebäude war mit beiden Schächten über die Hängebank verbunden. t)ber dem Eingangsgebäude stand in messingfarbener Schrift" Lothringen A.G. Anlage Herbede" in der Bevölkerung wurde sie Zeche Holland genannt. Man ging etliche Stufen empor ins Gebäude, links war die Markcnkontrolle, von dort bekam man seine Blechmarke mit seiner Personalnummer, meine war als Lehrling Übertage 1675, als ich mit sechzehn in das Lehrrevier nach Untertage kam 1375, und als ich die Knappenprüfung abgelegt hatte 27. Wenn man Übertage beschäftigt war hängte man die Marke an ein schwarzes Brett an der rechten Seite, nach Feierabend nahm man sie von dort ab, und gab sie an der anderen Seite zurück. Leute die einfuhren, gaben sie am Schacht ab, bevor sie auf den Korb durften. Einer der sie einsammelte hieß Paul Schürmann, er hatte einen großen Ring auf dem die Marken der Reihe nach, so wie die Kumpel kamen, aufgereiht wurden. Es waren runde Blechmarken mit einem Loch am Rand. Bei Schichtende in der Grube, hatte er ein Pult, und dort las er laut die Nummern vor, und zwar so, das der zuerst gekommen war, auch zuerst ausfahren durfte. Meldete sich einer nicht, legte er die Marke vor sich auf das Pult, von dort nahm man sie wen man später kam.

Doch nun noch mal zum Eingangsgebäude, an der Markenkontrolle kam man durch eine Pendeltür in den so genannten Lichthof. Auf der rechten Seite waren die Büros der Betriebsleitung und der Steiger, dort waren auch waren mehrere Schalter, deren Fenster vergittert waren, und unten einen ca. fünf Zentimeter hohen Schlitz hatten. Dahinter saßen am Lohntag, es gab alle zehn Tage Geld, zweimal Abschlag und beim dritten mal die Restlöhnung mit dem Lohnzette, die Steiger der verschiedenen Reviere. Sie gaben, nach Nennung von Personalnummer und Name, die Abschlagkarte aus braunem Karton heraus. Damit ging man auf die andere Seite der Halle, dort war das Rechnungsbüro, dahinter saß der Rechnungsführer, natürlich auch hinter einer vergitterten Scheibe mit einem gleichen Schlitz. Hinter ihm stand noch ein Wachmann mit Pistole und Schäferhund, denn es wurde ja Bargeld ausgezahlt. Bei manchen Kumpeln kamen die Frauen das Geld abholen, weil ihre Männer am Lohntag, ihr Geld in den umliegenden Kneipen ließen. Geradeaus kam man durch eine weitere Pendeltür in die Waschkaue. Rechts und Links neben der Tür hingen verglaste Anschlagskästen, in denen relevante Sachen ausgehängt wurden. Zum Beispiel auch so etwas „ Der Hauer — wurde wegen Verstoß gegen die BPV § so und so mit fünf DM in Buße genommen". Am Ende der linken Seite ging ein Treppe nach unten und eine nach oben, nach unten kam man in die Kantine und zur Verbandstube, nach oben kam man auf die Galerie, dort waren die Waschräume der Steiger.

In einem Raum der Verbandsstube, wurden, und das kam schon öfter vor die tödlich verunglückten Kumpel aufgebahrt, natürlich nur wenn es noch möglich war Es war dann Sitte, dass die Kumpel, wenn sie aus der Grube kamen, mit ihrem Lampe an dem Aufgebahrten vorbeigingen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.

In diesem Zusammenhang, fällt mir ein, das ich und Gustav Adler, ausersehen wurden bei einer Beerdigung eines tödlich Verunglückten, den Kranz der Bergbausesellschaft zu tragen Der Friedhof hegt ein ganzes Stück höher als die Zeche, und der Weg dort hin war sehr beschwerlich. Der Kranz hatte vielleicht einen Durchmesser von eineinhalb Meter Ich trug ihn mit dem rechten Arm, ein absetzen war ja nicht möglich, der dann ganz schön geschmerzt hat, Gustav wir es ähnlich ergangen sein.

Durch eine weitere Pendeltür kam man in die Waschkaue, dort waren Sitzbänke links und rechts neben stabile Metallhalterungen, an denen die Ketten für die Haken der jeweiligen Inhaber der Nummern angebracht waren.

Bilder meiner letzten Schicht auf Zeche Holland,
entstanden Anfang März 1965 auf Ort 5, Schacht II